Kasein, Gummi und Zelluloid – Die Anfänge des Kunststoffs

1530 gelang es dem Benediktinerpater und Alchemisten Wolfgang Seidel in Bayern eine Prozedur zu entwickeln, bei der er Magerkäse erhitzte, diesen formte und erkalten ließ. Dabei gewann er sogenanntes „Kunsthorn„, das er als „wunderbar durchscheinend“ und „hart wie Knochen“ beschrieb. Der Pater hatte auch bereits eine gute Ahnung davon, wofür sich die später „Kasein“ genannte Substanz würde verwenden lassen: „Man kann damit Tischplatten, Trinkgeschirr und Medaillons gießen, also alles, was man will.“

Es dauerte allerdings noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Möglichkeiten des Kunststoffs in ihrem ganzen Spektrum voll erkannt wurden. Dann spätestens wurde deutlich, wie großartig das Spektrum der Möglichkeiten der Kunststoffproduktion ist.

Erste Etappenziele wurden mit dem Radiergummi aus Kautschuk, den Joseph Priestley 1770 in Großbritannien herstellte, und dem Vulkanisierungsverfahren zur Kautschukhärtung zu Gummi durch Charles Goodyear 1853 in New York erreicht, aber die Kunststoffentwicklung erwies sich noch als sehr spröde Angelegenheit.

Ausgerechnet der in den USA populäre Volkssport Billard sorgte dann dafür, dass die Kunststofferforschung wieder ins Rollen kam. 1860 schreibt eine New Yorker Firma daher einen Wettbewerb aus: 10 000 Dollar sollte derjenige Entwickler erhalten, dem es gelänge, eine Alternative zu aus Elfenbein hergestellten Billardkugeln anzubieten. Der Import von Kugeln aus den Kolonien war so kostspielig geworden, dass viele Billardsäle hätten schließen müssen, würde nicht bald ein Ersatz gefunden.

Der billardbegeisterte John Hyatt kombinierte Schießbaumwolle mit Kampher und stellte so erstmals Zelluloid her. 1870 konnte das von ihm entwickelte Herstellungsverfahren patentiert werden.

Das neuartige Zelluloid eroberte schnell den Markt, da es sich auch bei der Produktion von Klaviertastaturen und als Zahnersatz verwenden ließ. Spätestens jetzt war Kunststoff in aller Munde.

Der Stoff aus dem Träume sind

Ab 1891 entwickelte Kodak Rollfilme auf Zelluloidbasis, die allen Menschen möglich machten, persönliche Sinneseindrücke durch Fotografien für die Ewigkeit festzuhalten. Ab 1895 konnten damit auch Filmaufnahmen gemacht werden.

Zelluloid, das auch die technische Grundlage für die kurz darauf aufblühende Filmindustrie wurde, eignete sich ideal für die Massenproduktion, da es problemlos zu bearbeiten war und auch nach Belieben eingefärbt werden konnte. Zarte Lasuren, Strukturen oder Maserungen der Materialoberfläche waren genauso möglich wie eine satte Färbung. Dem universellen Einsatz von Kunststoff waren nun in seiner ganzen Vielfalt kaum mehr Grenzen gesetzt.

Bedürfnisse, die bislang nur dem wohlhabenden Bürgertum erfüllt werden konnten, konnte sich nun jeder erfüllen.

Teure Kunstblumen aus importierter Seide wurden aus Kunststoffen gefertigt, Fahrräder erhielten Kunststoffrahmen und -reifen mit Gummischläuchen und wurden ein leichtes, bequemes Fortbewegungsmittel für jedermann.

Kämme wurden so fabriziert, dass sie das Aussehen von Schildpatt imitierten. Bilderrahmen hatten eine künstliche Ebenholz-Optik. Schmuck und Knöpfe aus Galalith schimmerten wie Perlmutt oder hatten einen durchscheinenden Glanz wie Bernstein. Linoleumböden erweckten den Anschein, sie seien Parkett.

Dass Kunststoffen immer noch der Dünkel anhaftet, „billig“ und damit wertlos zu sein, ist durch diese frühe Verwendung als Imitat teurer Rohstoffe, die aus den westlichen Kolonien importiert wurden, zu erklären. Allerdings erfüllte die Kopie ihren Zweck.

Wichtig war ab jetzt nicht mehr nur, was etwas ist, sondern auch, was etwas sein könnte. Und das galt nicht alleine für Waren, sondern auch für deren Besitzer. Für jeden Menschen und die Gesellschaft als ganze entstanden völlig neue Möglichkeiten und Perspektiven.

Die Produkte, die von jedermann gekauft werden konnten, sorgten automatisch dafür, dass sich am Markt demokratischere Verhältnisse durchsetzten. Nicht mehr die wohlhabende Gesellschaftsschicht bestimmte allein, was geschmackvoll war oder als solches zu gelten hatte. Die breite Masse konnte an der Kasse per Kaufentscheid darüber abstimmen, was gute Produkte und gutes Design ausmachte. So bestimmten jetzt alle direkt messbar mit, was gefällt, gewünscht wird und auch in Zukunft produziert werden würde.

Kunststoff elektrifiziert die Gesellschaft

Der in die USA ausgewanderte Belgier Leo Hendrik Baekeland begann seit 1905 mit der Entwicklung eines vollsynthetischen Kunststoffs. War bei Zelluloid noch das Naturprodukt Zellulose, eine Baumwollfaser, Teil des Herstellungsprozesses, wurde Phenolharz, später Bakelit genannt, nur aus Phenol und Formaldehyd hergestellt. Diese rein künstlichen Ausgangsprodukte waren in großen Mengen zur weiteren Verwendung verfügbar. 1907 wurde das sehr widerstandsfähige, hitze – und säurebeständige Material patentiert.

Viele Presswerke entstanden, die Haushalts- und Küchengegenständen, Dekorationsartikel und Modeschmuck aus Bakelit herstellten.

Die Entwicklung von Bakelit führte außerdem dazu, dass die damaligen Industrienationen fast durchgehend elektrifiziert und mit einem weitreichenden Fernmeldenetz versorgt werden konnten.

Da es nicht feuergefährlich ist, wurde es zur Isolation in Steckdosen, Lichtschaltern und zur Ummantelung von Staubsaugern und Haarföhnen eingesetzt. Insbesondere der „Volksempfänger“, das seriell hergestellte Radiogerät, das ab 1933 in Deutschland verkauft wurde, wäre ohne die Entwicklung von Bakelit nicht möglich gewesen.

Und auch das erste Telefon, das von der Bundespost ab 1948 ausgegeben wurde, wurde aus Bakelit gefertigt. Bakelitprodukte sind auch heute noch heiß begehrte Sammlerartikel.

Nur das ab 1928 entwickelte PVC (Polyvinylchlorid), das auch mit Weichmachern behandelt werden konnte, um seine Elastizität zu erhöhen, war kommerziell noch erfolgreicher. Es gehört bis heute zu den massenhaft bei der Produktion eingesetzten Kunststoffen.

Kunststoff sorgt für Bewegung

Die Weltkriege stellten eine Zäsur für den Konsum von aus Kunststoffen gefertigten Gütern dar. Gleichzeitig wurden zu militärischen Zwecken auch neue Kunststoffmaterialien entwickelt, die sich nach dem Krieg umso rascher verbreiteten.

Etwa zeitgleich arbeiteten Forscher bei Du Pont de Nemours in den USA und der deutschen IG Farben AG an der Herstellung zwei fast gleichartiger Polyamidkunststoffe, die zunächst für die Fallschirmproduktion entwickelt wurden. Kurz vor dem deutschen Produkt Perlon wurde das amerikanische Nylon patentiert. Ab dem 16. Mai 1940 verkauften sich von den ersten Strümpfen aus Nylon innerhalb von 4 Tagen 6 Millionen Paare.

Das extrem reiß – und scheuerfeste Material konnte sich als Polyamid bei der Textilverarbeitung allgemein durchsetzen. Das mit Nylon bestrumpfte amerikanische „Working Girl“ wurde zum Symbol des neuen Frauenbilds, der berufstätigen, gut aussehenden und gekleideten Frau, die das westliche Europa der Nachkriegszeit in einem allgemeinen Hype alles Amerikanischen eroberte.

Ab 1950 begann Earl S. Tupper mit der Vermarktung seiner Tupperware-Produkte in den USA. Auch in Deutschland wurden die luftdicht verschließbaren Boxen schnell populär.

Blickdurchlässige Stoffe erlaubten Freizügigkeiten unbekannter Art und öffneten nach und nach die Gesellschaft, die insgesamt immer mobiler wurde und deren scheinbar zementierte Grenzen sich zunehmend aufweichten.

Der französische Kulturkritiker und Philosoph Roland Barthes beschrieb Plastik 1957 in „Mythen des Alltags“ als eine „Wundersubstanz“, deren spezielle Wirkkraft in ihrer unendlichen Transformierbarkeit liege.

Seit 1949 konnten Luftmatratzen aus PVC (Polyvinylchlorid ) zu Land und Wasser zu Campingzwecken eingesetzt werden. Zusammen mit der Entwicklung der Faltzelte sorgte das für den Camping-Boom der Nachkriegsjahre, der sich ungebremst bis in die 1980er Jahre fortsetzte und mit der Wencke-Myrhe-Hymne „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ 1970 ihren Höhepunkt erreichte.

Die knallgelbe Regenjacke aus Polyester mit PVC-Beschichtung, der sogenannte „Friesennerz“ im Schnitt eines Bundeswehrparkas, wurde etwa zeitgleich 1968 entwickelt und war bis in die Mitte der 1980er Jahre zusammen mit der Badesandale aus Plastik ein Pflichtbestandteil der Outdoor-Mode, die in bunten Schock- und Neonfarben Signale für die Jugendbewegung setzte.

Kunststoff verwandelt das Design

Kunststoff darf man als Katalysator dafür sehen, dass sich das moderne Design von der Aufgabe, die Funktionalität eines nach rein praktischen Gesichtspunkten gestalteten Gegenstands zu gewährleisten, lösen konnte, um primär ästhetischen Aspekten zu folgen.

Das Möbeldesign beispielsweise konnte Sitzgelegenheiten realisieren, die ohne Hinterbeine auskamen. Der Freischwinger „Panton Chair„, der vom Dänen Verner Panton entworfen wurde oder der „Tulip Chair“ von Eero Saarinen überwanden so die bis dato geltenden Grenzen der Gestaltung.

Angelehnt an die erste Mondlandung wurde das Design futuristisch und ging als „Space Age“ in dessen Geschichte ein. Bestes Beispiel hierfür ist der von der Decke schwebende „Bubble Chair“ von Eero Aarnio aus dem Jahr 1966.

Charles Prior Hall, ein kalifornischer Möbeldesigner, entwickelte seit 1968 aus einem vinylumhüllten Sitzsack mit flüssiger Maisstärke ein serienreifes „Wasserbett“, das nun nicht mehr nur vereinzelt für Invalide und zu medizinischen Zwecken eingesetzt wurde, sondern ein paradigmatisches Beispiel für ein aufblasbares Möbel ist, das in die Serienproduktion ging.

Die wachsende Mobilität der Gesellschaft und die Bereitschaft den Wohnort zu wechseln, führten dazu, dass die über die Kriegsjahre entwickelten Materialien wie Plexiglas und Resopal immer stärker bei der Möbelproduktion eingesetzt wurden. Plexiglas ist leichter als Glas, zersplittert nicht und übersteht daher alles – auch einen Umzug.

Resopal, auf der Basis von Melaminharzen hergestellt, wurde zum ultimativen Bestandteil der deutschen Kücheneinrichtung in den 50er und 60er Jahren.

Brillengläser und –gestelle wurden wegen ihrer annähernden Unzerstörbarkeit zunehmend aus dem Kunststoff PMMA (Polymethylmethacrylat) hergestellt, dem Grundbestandteil von Plexiglas.

Kunststoff als Kunstwerk

Gegenstände, deren Haltbarkeit unbegrenzt ist, werden nicht mehr ausgetauscht, weil sie nicht mehr funktionieren, sondern weil ein anders designtes Produkt besser gefällt oder mehr Möglichkeiten kombiniert.

Zwischen 1984 und 1996 verkaufte der Schweizer Uhrenhersteller Swatch 200 Millionen Armbanduhren, die vor allem deswegen ausgetauscht oder gesammelt wurden, weil die Swatch-Uhren mit ihren Kunststoffarmbändern und –gehäusen in stets neuem Design angeboten wurden.

Auch, wenn das Design den Blick auf die Gerätetechnik im Innern freilegen sollte, wie beispielsweise bei der Gehäusefabrikation der legendären bunten iMac -Serie von Apple, war es wieder die Transparenz, Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit des Kunststoffs, der ihn zum ultimativen Finish des neuen Heimcomputers machte.

Es dauerte nicht lange, und seriell gefertigte Artikel des Alltags wurden als sogenannte „Readymades“ selbst zu Exponaten im musealen Kontext. Was einst eine Plastik war, wird in Plastik nun zum Objekt einer Installation.

Spätestens jetzt war klar, dass es jedem Menschen als Sammler möglich ist, in den eigenen vier Wänden Gegenstände nach Belieben so zu arrangieren, dass nach eigenem Gusto eine Sammlung entsteht, die einem klassischen Museum in nichts nachstehen muss.

Wie ein Objekt genutzt und in welchem Kontext es eingesetzt wird, bestimmt seither seinen künstlerischen, ideellen Wert. Der Folgeschluss ist bekannt: Jeder Mensch ist ein Künstler.

Logischerweise ist es ein Künstler wie Andy Warhol, der in seinem Buch POPism schreibt: „I love plastic. I want to be plastic.“

Und tatsächlich sind viele Menschen mittlerweile glückliche Hybridkörper mit Kunststoffanteilen, die sich über Implantate aus Kunststoffen freuen, die ihr Leben verlängern oder erleichtern. Neben Brustimplantaten aus Silikon gehören dazu auch Pumpen, die den Insulinspiegel von Diabetespatienten regulieren können, sowie Ohr- und Augenimplantate.

Ewige Haltbarkeit – Die Zukunft des Kunststoffs

Unter Umweltgesichtspunkten sollte Plastik so reduziert wie möglich produziert werden. Die Entwicklung von sogenannten Biokunststoffen oder die Wiederverwendung von Plastikgranulat zu neuem Plastik steckt allerdings noch in den Kinderschuhen und auch die erprobten Kunststoff-Recyclingprozesse sind extrem aufwendig.

Kunststoff ist nicht nur robust, er ist nahezu „unkaputtbar“, wie Coca Cola bei der Einführung der ersten PET-Mehrweg-Flasche stolz konstatierte.

Plastikpfandflaschen aus Polyethylenterephthalat (PET) werden beispielsweise zwar gereinigt und neu befüllt, nach maximal 20 Umläufen müssen sie aber gehäckselt und eingeschmolzen werden, damit sie neu geformt werden können. Läuft alles ideal, wird aus ihnen ein Fleecepullover.

Von Wissenschaftlern werden derartige Recyclingverfahren sogar als in der Praxis unrealisierbar beschrieben.

Meist wird Plastik entweder verbrannt, gibt dabei Schadstoffe an die Umwelt ab und kehrt als thermische Energie in den natürlichen Kreislauf zurück oder treibt unzerstört in den Ozeanen, wo es sich nie ganz zersetzt, Meereslebewesen vergiftet und für immer ein tödliches Relikt der menschlichen Wegwerfgesellschaft bleibt.

Mittlerweile verlangen Wissenschaftler daher nach einem Plastikpfand auf Waren, zu deren Verpackung Kunststoffe verwendet werden.

Gerade in diesem Bereich ist unstrittig Umdenken gefragt. Mit 35 Prozent macht der Anteil der Verpackungen an der Gesamtverwendung der Kunststoffe den Löwenanteil aus.

Die medizinische Verwendung von Kunststoffen mit einem Anteil von 2 Prozent ist dagegen fast genauso verschwindend gering wie die Verwendung von Kunststoffen zur Produktion von Haushaltsgegenständen oder von Möbeln mit 3 beziehungsweise 4 Prozent.

Aber auch, wenn der Kauf einer PET-Flasche unnötig sein dürfte, wird deswegen wohl niemand seine Frühstückseier lieber mit dem Silberlöffel essen, auf einen Airbag, das künstliche Hüftgelenk oder das Touchpad eines Smartphones verzichten wollen.