Industriedesign ist Design, das für Nutzgegenstände entworfen wird. Anders als der Begriff „Design“ nahelegt, beschäftigen sich Industriedesigner nicht nur mit dem Aussehen eines Produkts, sondern auch mit dessen Funktion. Handlichkeit, Funktionalität und Langlebigkeit müssen folglich mit ästhetischem Anspruch einhergehen. Industrial Design spielt im Alltagsleben auf allen Ebenen eine wichtige Rolle.

Ob Möbel, Haushaltsgeräte oder technisches Equipment: Industriedesigner arbeiten immer mit der Entwicklung und Produktion zusammen, um Geräte und Möbel zu entwerfen, bei denen Ästhetik und Funktionalität perfekt aufeinander abgestimmt sind. Wie der Name Industriedesign sagt, handelt es sich dabei um seriell gefertigte Produkte, nicht um Unikate.

Einfach und perfekt

Der berühmte amerikanische Architekt Louis Henry Sullivan prägte den Satz „form follows function„. Die Gestaltung von Architektur und Dingen muss sich aus ihrem Zweck ableiten. Ein von der Firma Braun gestalteter Fön besitzt beispielsweise einen schrägen Griff, weil er sich so leichter halten lässt. Sullivans Leitsatz lässt sich auch umgekehrt anwenden. „Function follows form“: Aus der Form soll sich auch die Funktion erklären lassen. Gute Architektur, gutes Design ist nie nur schön. Sie müssen auch das Zusammenleben von Menschen erleichtern.

Bauhaus: Die Verknüpfung von Kunst und Alltag

1919 schrieb Walter Gropius ein Manifest für eine neue Art von Schule: Das Bauhaus war geboren. Unter dem Einfluss der verheerenden Kriegserlebnisse wollten er und seine Mitstreiter Ludwig Mies van der Rohe und Hannes Meyer etwas grundsätzlich Neues aufbauen. Kunst und Alltag sollten miteinander in Symbiose treten. Zahlreiche berühmte Künstler, unter anderem Oskar Schlemmer und Paul Klee, wirkten am Bauhaus mit. Es entstanden berühmte Möbel, aber auch Schmuck, Teppiche, Kleider und Wohnhäuser, die einfaches Design mit schlichter Eleganz und den grundlegenden Wohnbedürfnissen der Menschen perfekt miteinander in Einklang brachten. Weimar, Dessau und Berlin waren die Wirkstätten des Bauhauses, welches massiv politischen Angriffen ausgesetzt war. Für heutiges Industrial Design ist das Bauhaus nach wie vor stilbildend. Das „Labor der Moderne“ brachte Klassiker wie die Tischlampe von Wagenfeld und Stahlrohrmöbel von Breuer auf den Markt, die zeitlos angesagte Möbel und Objekte in Wohnräumen sind.

Industriedesign beweist Langlebigkeit

Industriedesign ist nie für den Moment entworfen. Das bedeutet: Das Design sollte auch noch nach Jahren ästhetisch attraktiv sein, und die benutzten Materialien müssen eine hohe Qualität besitzen. So steht die HFG (Hochschule für Gestaltung) in Ulm, die 1955 eröffnet wurde, für die Entwicklung von Möbeln, die Einfachheit, Schönheit und Funktion konsequent bei Neuentwürfen umsetzt. Schwulstige, opulente Möbel mit Barockcharakter, die nach den Kriegen vielfach Wohnräume verschandelten, wurden durch schlichtes Interieur ersetzt.

Beispielhaft gilt die von Grete Schütte-Lihotzky 1926 entworfene „Frankfurter Küche“. Diese erste Einbauküche setzte auf kurze Wege und leichte Handhabung von Schüben und Schränken: Eine fantastische Erfindung war geboren. Max Bill und Otl Aicher entwarfen in den 60er Jahren mit dem „Ulmer Hocker“ eine Reminiszenz an das Bauhaus. Doch Industrial Design beschränkt sich auch heutzutage nicht auf Schönheit und Schlichtheit. Industrial Design experimentiert mit neuen Materialien und neuen technischen Möglichkeiten. So entwarf Helmut Bätzner 1966 Stühle aus glasfaserverstärktem Polyester, die ohne Handarbeit in einer Presse hergestellt wurden. Ein anderes Beispiel ist das von Hans Roericht entworfene, schlichte, weiße Geschirr, das später von der Firma Rosenthal in Serie produziert wurde.

Industriedesign geht auf die Bedürfnisse der Zeit ein

Jede Zeit kennt unterschiedliche Herausforderungen. In den 80er Jahren drängten sich umweltpolitische Fragen in den Vordergrund. Der Gedanke, dass Kunststoff nicht abgebaut werden kann und umweltpolitisch nicht vertretbar ist, erforderte neue Lösungen. Man begann wieder auf Holz zu setzen.

Dieser Trend hält bis in die heutige Zeit an. Handwerkskunst wie günstige Herstellung von Möbeln aus Holz sind gleichermaßen angesagt. Da Industriedesign jedoch nicht losgelöst von allgemein wichtigen Fragestellungen betrachtet werden kann, gilt heutzutage: Skandinavische Möbel beispielsweise aus Teak-Holz sind out.

Nachhaltigkeit ist der Begriff, an dem sich auch Industrial Design messen lassen muss. Damit einhergehende Fragestellungen sind: Wo kommt Holz her? Unter welchen Bedingungen wird es aufgeforstet und abgeholzt? Noch einen Schritt weiter geht Industrial Design, das auf recycelbares Material setzt. Wiederverwertbare Dinge und Materialien stehen im Fokus der Designer. So produziert man heute bei der Firma Freytag Taschen, Handyhüllen und Geldbeutel aus LKW-Planen. Möbel aus Holzresten und Pappe sind komplett recycelbar. Klappbare Möbel, die wenig Platz kosten und leicht transportiert werden können, sind die Antwort auf zunehmende Raumnot vor allem in Großstädten.

Diese Beispiele zeigen: Industriedesign setzt ein umfassendes Denken voraus und orientiert sich an den Bedürfnissen der Zeit. Langlebigkeit, Funktionalität und von überflüssigem Ballast befreites Design, sind die zentralen Punkte bei Industrial Design. Unabhängig davon, für welchen Lebensbereich entworfen und produziert wird.

Ein Name darf nicht fehlen: Dieter Rams

Industriedesign ist mit bestimmten Namen verbunden, ohne die ein Fortschritt bei Haushalts- und Technikgeräten ebenso wenig möglich gewesen wäre wie im Möbeldesign. Von Dieter Rams, der an der Werkkunstschule Wiesbaden Innenarchitektur studierte und später bei der Firma Braun seine legendäre neue Stereoanlage entwarf, stammt der Ausspruch: „Gutes Design ist die Summe gut durchgestalteter Details“. Gebrauchsgegenstände wie Rasierer und Mixer müssen dem Menschen dienlich sein. Nach Rams müssen „Haltung und Qualität kongenial sein“, damit ein Gerät oder Möbelstück auf Dauer Erfolg haben kann. Rams entwarf beispielsweise den Trockenrasierer. Eine bahnbrechende Erfindung, da Rasieren damit kurz, effizient und unkompliziert wurde.

Industrial Design ist funktionsorientiertes Design

Alles, was als Prototyp entworfen wird und in Serie gehen kann, wenn es die hohen Qualitätsmerkmale erfüllt, zählt zu Industriedesign. Deswegen muss der Designer mit der Entwicklungsabteilung und dem Marketing eng zusammen arbeiten. Technische Machbarkeit, Innovation, Leistungsstärke und Hochwertigkeit sind Kriterien, die Industriedesign erfüllen sollte. Gleichwohl gibt es Beispiele wie die Zitronenpresse von Alessi, an der sich die Geister scheiden. Ist sie ein schlichtes und perfektes Instrument, um eine Zitrone zu pressen und sieht dabei noch toll aus? Oder hält die Zitronenpresse der Anforderung an Funktionalität nicht stand, weil beim Ausgießen Zitronenkerne nicht aufgehalten werden?

Industriedesign setzt sich selbst hohe Hürden: Modische Kinkerlitzchen sind tabu! Braun setzt bei technischen Geräten auf schlichtes Design und schlichte Farben. Weiß, Grau, Schwarz sind die dominierenden Töne, wenn es um Rührgeräte, Transistorradio, Fön und Uhren geht. Ein Wecker von Braun besticht durch klare Formensprache, gut ablesbares Ziffernblatt und leichte Bedienbarkeit. Rote oder grüne Knöpfe werden nicht aus Spaß an der Farbe eingesetzt, sondern dienen der Funktion, das Gerät ein- oder auszuschalten.

In allen Lebensbereichen vertreten

Industrial Design ist mittlerweile in vielen Bereichen des täglichen Lebens eine Selbstverständlichkeit. Ob Fahrräder, Haarpflegeprodukte, Bürsten, Küchenmaschinen, Smartphone oder Skibrille: Wer gelernt hat, seinen Blick zu schulen, erkennt die Grundmuster oder Klassiker, auf die sich viele Produkte zurückführen lassen. Industrial Design lebt vom Ausprobieren. Industriedesigner, die innerhalb einer Weltfirma arbeiten, probieren und spielen oft mit unzähligen Entwürfen.

Wie ein Künstler, ein Maler erstellen sie Erstmodelle, ehe sie ein überzeugendes Produkt in Zusammenarbeit mit der Produktion in Serie geben. Dieses Industrial Design wird dann über die Marketing-Abteilung einem großen Publikum nahegebracht. Denn Industriedesign heißt auch: Produktion für den Alltag, für jedermann. Daher spezialisiert sich Industrial Design häufig auf bestimmte Bereiche.

Nur über das Zusammenspiel von fundiertem handwerklichen Wissen, Innovationsgeist und technischer Machbarkeit lassen sich zukünftige Klassiker entwerfen. Klassiker, die dann wiederum Eingang finden in Museen von Weltrang. In der Münchner Pinakothek der Moderne und dem Museum Angewandte Kunst, Wien, gibt es Präsentationen von Kult-Klassikern, die Geschichte geschrieben haben. Denn dieses Industriedesign war und ist sozialverantwortlich, modern, reduziert, funktional und immer ästhetisch.