Von erotischer Aufbruchstimmung zum Porno-Mainstream – Erotik in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren

Sex sells! Das Thema Erotik ist ein Verkaufsschlager, in aller Munde und in den Medien omnipäsent. Busenwunder, die uns von den Titelseiten etablierter Magazine entgegen lächeln und zwangsläufig irgendwann im Dschungel vor einem Millionenpublikum campen gehen, Filmstars, die von ihrem ersten Mal berichten und der neue Berufsstand der „Sexperten“, die sowieso immer und überall zu Wort kommen.

Der Versandhandel für Erotik-Spielzeug boomt und beim Surfen im Internet ploppen permanent Anfragen vollbusiger Schönheiten nach einem heißen One-Night-Stand auf… ob man denn nun will oder nicht. Die Oberbürgermeister der größten deutschen Städte lebten und leben in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, und selbst Bundesminister bekennen sich offen zu ihrer Homosexualität. „Zustände wie in Sodom und Gomorra“, argwöhnen heute lediglich noch die ganz alten Semester.

Für den Großteil, die Allgemeinheit, ist die allerorts präsente Erotik Alltag geworden. Doch bis dahin war es ein weiter Weg. Abgesehen vom eher kurzen Intermezzo der „sündigen 20er“ diente die körperliche Liebe bis in die 1950er-Jahre lediglich dem Erhalt der Spezies, zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung. Richtig Fahrt nahm die freie Erotik erst mit Anti-Baby-Pille, Blumenkindern und fröhlich-frivolen „Aufklärungsfilmen“ auf und verfiel ab Anfang der 1980er in eine jahrelange Schockstarre namens HIV/AIDS. Doch der Reihe nach…

Die 1950er: Vorsichtige Ausbrüche aus der Nachkriegsprüderie

Retro ErotikBis in die 1940er-Jahre hieß das Schreckgespenst noch Syphilis. Fielen der durch Geschlechtsverkehr übertragende chronische Infektionskrankheit 1939 allein in den USA mehr als 20.000 Menschen zum Opfer, sank zwischen 1947 und 1957 die Zahl der Syphilis-Fälle um 95 Prozent. Durch die Entdeckung des Penicillins und dem damit verbundenen flächendeckenden Einsatz von Antibiotika konnte die Krankheit nahezu eingedämmt werden, was wiederum Einfluss auf das sexuelle Verhalten der Menschen nahm. Wechselnde Partner, außerehelicher und ungeschützter Sex stellten fortan keine akute Gefahr mehr für Leib und Leben dar.

Dennoch war hierzulande in der Nachkriegsgesellschaft zu Zeiten des Wirtschaftswunders Erotik noch immer ein Tabuthema, über das allerhöchstens hinter vorgehaltener Hand getuschelt wurde. Eine ehemalige Pilotin mit Berufsverbot aus Flensburg sollte dies aber ändern. Ihr Name: Beate Uhse. Bereits 1946 begann sie damit, selbst produzierte „Aufklärungs“-Heftchen, die „SchriftX“, per Post zu verschicken. Mit Erfolg – 1951 gründete sie mit vier Angestellten das „Versandhaus Beate Uhse“, das sich zunächst noch auf den Vertrieb von Kondomen sowie Büchern über Verhütung und Ehehygiene konzentrierte und im Laufe der Jahre zu Europas größtem Erotik-Händler expandieren und Beate Uhse selbst zur „Mutter Courage des Tabubruchs“ machen sollte.

Hinzu kam, dass in den USA der promovierte Zoologe und Sexualforscher Alfred Charles Kinsey mit seinen beiden 1948 und 1953 veröffentlichten Kinsey-Reports vielerorts eine – zunächst noch als moralisch verworfen angesehene – erste kleine sexuelle Revolution auslöste. Ein Meilenstein und Skandal zugleich. Obgleich der Geschlechtsverkehr seinerzeit in der öffentlichen Wahrnehmung lediglich in der Ehe stattzufinden hatte, lieferte Kinsey für die damalige Gesellschaft erschütternde Ergebnisse. So gab etwa die Hälfte der Befragten an, bisexuelle Tendenzen zu haben. Rund ein Drittel habe außerehelichen Sex und so gut wie jeder würde masturbieren. Der Report schlug ein wie eine Bombe. Auch in kommerzieller Hinsicht – allein in den ersten drei Monaten verkaufte er sich mehr als 200.000 mal.

Aller sexuellen Aufbruchstimmung jener Tage zum Trotz, war die Gesellschaft bemüht, das traditionelle Geschlechterverhältnis zu wahren. Die Wirren des Zweiten Weltkriegs waren noch allzu präsent und man sehnte sich nach Ordnung, auch in familiärer Hinsicht.

Erotische Provokation auf der Leinwand

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Selbst im Kino war in den Heimatfilmen eher die heile Welt gefragt. Aber nicht ausschließlich, denn mit „Die Sünderin“ hatte die noch junge Bundesrepublik 1951 einen handfesten Skandal. Ganze sieben Sekunden war Hildegard Knef in dem Streifen nackt zu sehen, es ging um Prostitution und Selbstmord. Die konservativen Tugendwächter waren bis aufs Blut provoziert, die Kinokassen klingelten jedoch gewaltig. Im vermeintlich spießigen Kino des Nachkriegsdeutschlands gab es also doch ein wenig Platz für Sex und Verruchtheit.

Die Knef war es auch, die als eines der ersten Sexsymbole Deutschlands galt. Neben ihr waren es vor allem Brigitte Bardot, Sophia Loren und Marilyn Monroe, die weltweit als solche Aufsehen erregten und so manche nicht jugendfreie Männerphantasie hervorbrachten. Hochgeschnürte Brüste und möglichst viel Bein zierten zahlreiche Filmplakate – selbst dann, wenn das Werk als solches eher weniger vor Erotik sprühte. Das sorgte einerseits zwar für leere Versprechungen, andererseits aber für volle Kinokassen.

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Ein weiterer Film, der die Moralvorstellungen jener Tage ordentlich durcheinanderzuwirbeln wusste, war das französische Werk „Die Liebenden“ aus dem Jahre 1958. Die Andeutung von Oralsex und die Handlung, in der eine Mutter ihre Familie wegen eines jüngeren Liebhabers verlässt, schlug hohe Wogen der Empörung und veranlasste die deutsche Verleihfirma gar dazu, den Film bis zur Unkenntlichkeit zusammenzuschneiden.

Geschlechterrollen klar definiert

Die prüden 50er-Jahre, das waren auf der einen Seite konservative Familienwerte und traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter. So gab der „Good House Wife’s Guide“ 1955 unter anderem folgende Regeln für die gute Hausfrau vor:

  • „Ruhe dich 15 Minuten aus, damit du frisch bist, wenn er nach Hause kommt. Trage etwas Make-up auf und binde dein Haar hoch, damit du hübsch aussiehst – er hat den ganzen Tag nur Menschen in Arbeitskleidung gesehen.“
  • „Frag ihn nicht aus. Vergiss nicht, dass er der Hausherr ist und du kein Recht hast, ihn zu hinterfragen.“

Neben der Erziehung, beziehungsweise dem Aufziehen der Kinder sowie dem Führen des Haushaltes war es also primär die Aufgabe der Frau, die Bedürfnisse des Mannes zu befriedigen, am besten wie und wann immer er es wünschte. Emanzipation und Feminismus waren jener Tage noch Fremdwörter.

Auf der anderen Seite bröckelten die Mauern der Moral; langsam, leise und eher im Hinterhof der öffentlichen Wahrnehmung. Selbst Pornofilme wurden bereits produziert. Eigene Lichtspielhäuser gab es für diese noch nicht, die Qualität ließ sehr zu wünschen übrig und zu bekommen waren sie lediglich unter der Hand. Von einer echten Pornofilmindustrie konnte also noch nicht die Rede sein. Etwas anders verhielt es sich bei den Printmedien. Magazine mit nackten Frauen gab es bereits das eine oder andere. Hefte, in denen sexuelle Handlungen zu sehen waren, bewegten sich allerdings noch abseits von Legalität und professioneller Produktion.

Homosexualität fernab der Öffentlichkeit

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Nachdem in der Zeit des Nationalsozialismus die Schwulenszene gänzlich zerschlagen war und der Paragraf 175 zur „Unzucht zwischen Männern“ selbst in der jungen Bundesrepublik noch Geltung hatte (die DDR hatte ihn 1957 de facto für unwirksam erklärt), erwachte diese schleppend wieder zum Leben. In vielen Köpfen herrschte noch das Bild vor, Homosexuelle seien krank und abnormal. Dennoch bildeten sich erste homosexuelle Organisationen, Schwulenzeitschriften wurden im Geheimen herausgebraucht und auch die eine oder andere entsprechende Bar eröffnet.

Im Großen und Ganzen spielte Homosexualität in den 1950er-Jahren noch keine Rolle in der Öffentlichkeit. Das deutsche Volk hatte nach dem Krieg mit anderen Problemen zu kämpfen und sehnte sich zunächst in erster Linie nach Normalität, Stabilität und geregelten Strukturen in Friedenszeiten. Die Prüderie war oftmals vielleicht aufgesetzt, doch diente sie vielen als Mittel zum Zweck, eben diese Ziele zu erreichen.

Die 1960er: Vom ersten Sexshop in Flensburg zur weltweiten sexuellen Revolution

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Beate Uhse hingegen hatte andere Ziele, als sie im Dezember 1962 im schleswig-holsteinischen Flensburg den ersten Sexshop der Welt eröffnete und somit in gewisser Weise das Jahrzehnt der sexuellen Revolution einleitete. Und auch die Generation der Heranwachsenden hegte andere Ziele.

Prüderie und Sicherheitsdenken wurden ihr zu Genüge von den Eltern vorgelebt. Selbst nicht oder kaum vom Krieg traumatisiert, galt es für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen der 1960er, sich selbst zu finden und eine Lebensphilosophie zu definieren. Und diese sollte sich im Laufe der Dekade erheblich von der der Elterngeneration absetzen. Eine gesellschaftliche Revolution nahm ihren Lauf, die auch nicht Halt vor den Schlafzimmern machte, ganz im Gegenteil.

Zunächst begann das neue Jahrzehnt, wie das alte aufgehört hatte: spießig und prüde. Aber bereits in der ersten Hälfte gab es Vorzeichen von dem, was noch kommen sollte. Neben Beate Uhses „schamlosen“ Vorstoß in den bis dato „sauberen“ Einzelhandel, sorgte 1963 dann ein Film aus Schweden für Entsetzen unter den Moralwächtern. Ingmar Bergmanns „Das Schweigen“ brannte in wenigen kurzen Szenen ein für damalige Verhältnisse wahres Feuerwerk von Sittenverfall und knisternder Erotik gleichermaßen ab.

So wurde das teils verstörte, teils verzückte Kinopublikum Zeuge von Liebesakten im Hotelzimmer mit einem Fremden, im Varietétheater und einer leerstehenden Kirche. In einer weiteren Sequenz war zudem zu sehen, wie die Hauptdarstellerin masturbiert. Genügend „cineastischer Schmutz“, der daraufhin einige besorgte Schweinfurter Bürger veranlasste, die „Aktion Saubere Leinwand“ ins Leben zu rufen. Mit 23.456 gesammelten Unterschriften wurde die Initiative sogar beim damaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke vorstellig, der sich über den tugendhaften Aktionismus durchaus erfreut zeigte. Dem gegenüber sprachen jedoch allein 10,5 Millionen westdeutsche Kinobesucher eine ziemlich deutliche Sprache.

Ebenso wie beim Lied „Laila“ der niederländischen Band „Regento Stars“. Von willenlosen Damen war im Text die Rede, zudem war das Lied voller sado-masochistischer Anspielungen. Zuviel für die katholische Kirche, die den Titel auf den Index setzte, was schlussendlich aber nur dazu führte, dass sich „Laila“ hervorragend verkaufte und auf Platz 1 der deutschen Schallplatten-Charts landete.

Eine Pille gegen Menstruationsbeschwerden

Unter der Oberfläche der Gesellschaft wurden zu Beginn der 60er bereits viele Tabus gebrochen. Ungewollte Schwangerschaften unverheirateter Mädchen stellten ein zunehmendes Problem dar. Abtreibung war noch unter Androhung von Zuchthaus verboten, was der Fleischeslust der Heranwachsenden jedoch keinen Abbruch verlieh.

Schon 1961 brachte die Berliner Schering AG ein in den USA entwickeltes Medikament zur „Behandlung von Menstruationsstörungen“ auf den westdeutschen Markt (1965 folgte ein ähnliches Präparat in der DDR), welches zunächst lediglich verheirateten Frauen mit mehreren Kindern verschrieben wurde. Die im Beipackzettel erwähnten empfängnisverhütenden Nebenwirkungen erlangten schnell allgemeine Bekanntheit und das „Anovlar“ benannte Medikament erhitzte fortan als „Antibabypille“ (in der DDR die „Wunschkindpille“) die Gemüter. Trotz immenser Proteste von Kirchenvertretern und konservativen Sittenwächtern wurden die Verschreibungsbedingungen zunehmend gelockert – die sexuelle Revolution war nicht mehr zu stoppen. Die Beatles, Miniröcke und Flowerpower taten indes ihr übriges, dass die verklemmte Moral gewaltig ins Wanken geriet.

Selbst die Große Koalition, die ab 1966 in Bonn die politischen Geschicke der Bundesrepublik leitete, reagierte darauf mit Aufklärungsfilmen wie „Helga“ oder „Der Sexualkundeatlas“. Besonders „Helga“ wurde 1967 mit 40 Millionen Kinobesuchern zum internationalen Kassenschlager, was auch die Aufmerksamkeit der privaten Filmindustrie im wahrsten Sinne erregte. Der Journalist, Autor und Produzent Oswalt Kolle konnte sich daraufhin mit Filmen wie „Das Wunder der Liebe“ und „Deine Frau: Das unbekannte Wesen“ als kommerziell erfolgreicher Volks-Aufklärer einen Namen machen.

Spätestens Ende der 1960er-Jahre zogen in Deutschland alle Medien mit. In den etablierten Zeitungen und Zeitschriften war immer mehr Haut zu sehen, das sonst so biedere Fernsehen buhlte mit gezeigter Freizügigkeit um Einschaltquoten und der Vertrieb von professionell erstellten Hochglanz-Pornoheften nahm Fahrt auf.
Auf der Kinoleinwand verschwand derweil der Deckmantel der Aufklärung und es wurde zunehmend zotiger. Filme wie „Graf Porno bläst zum Zapfenstreich“, „Dr. Fummel und seine Gespielinnen“, „Unterm Dirndl wird gejodelt“ und nicht zuletzt die „Schulmädchenreport“-Reihe (ab 1970) kamen in der Darstellung von Erotik verglichen mit heutigen Verhältnissen noch eher harmlos und mit nahezu klamaukigen Anstrich daher, aber sie ebneten den Weg zum professionellen Pornokino.

Die Szene tritt aus dem Dunkeln

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Derweil wagte sich auch die Homosexuellen-Szene mehr und mehr aus der Deckung. In der Gesellschaft entbrannten zunehmend Diskussionen zur Entkriminalisierung der Homosexualität, die sich schließlich im Zuge der 68er-Revolution explosionsartig verschärften. Die Große Koalition entschärfte schließlich 1969 den Paragrafen 175, und fortan war Sex unter schwulen Männern ab 21 Jahren straffrei. In der Szene sorgte dies für eine Welle der Euphorie, die sich nun frei entfalten konnte und dies auch unter den Augen der Öffentlichkeit verstärkt tat.

Die 1970er: der Bruch aller sexuellen Barrieren

Diese revolutionäre Welle von sexueller Freiheit und Toleranz schwappte somit auch in die nächste Dekade über. Die sexuelle Revolution wurde im Alltag der 1970er-Jahre von einem Großteil der Gesellschaft ausgelebt. Seriöse Zeitschriften wie der Stern, die Quick oder das Twen titelten „Vom Abenteuer, ein Mann zu sein“ oder versuchten mit Titelanreißern wie „Jetzt noch mehr Orgasmen“ Auflage zu machen. Die Werbeplakate der großen Marken überboten sich gegenseitig in punkto Nacktheit, und im damals noch ausschließlich öffentlich-rechtlichen Fernsehen verging kein Tag mehr ohne blanken Busen.

Alle moralischen Mauern aus den vergangenen Jahrzehnten waren nunmehr eingestürzt. Auf die Barrikaden gingen höchstens noch einige Kirchenvertreter und betagte Moralapostel, erhört wurden sie jedoch nicht mehr. In den Jugendzimmern hingen Sexsymbole wie Farrah Fawcett, deren Pin-up-Poster mit zwölf Millionen Exemplaren zum bis heute meistverkauften aller Zeiten avancierte. Nastassja Kinski weckte als androgyne Lolita erotische Männer- und (teils auch) Frauenphantasien und Ingrid Steeger stieg mit der frivolen TV-Revue „Klimbim“ zur Oben-Ohne-Ikone des deutschen Fernsehens auf. Im Kino räkelte sich „Emmanuelle“ lasziv durch gleich mehrere Fortsetzungen und setzte den Trend der Softpornos in Gang, der mit der „Eis am Stiel“-Reihe oder „Zärtliche Cousinen“ bis in die darauffolgende Dekade andauern sollte.

Blockbuster aus der Hardcore-Pornoschmiede

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Wer sich indes nicht mehr mit blanken Busen und frivolen Andeutungen zufrieden geben wollte, der kam in den 70ern ebenfalls voll auf seine Kosten. Die Hardcore-Welle schwappte in den USA mit „Deep Throat“ bereits 1972 wie ein Tsunami über die noch junge Pornofilm-Industrie. Bei einem Produktions-Budget von gerade einmal 25.000 US-Dollar spielte der Streifen geschätzt bis zu 600 Millionen Dollar ein, was ihn selbst zum profitabelsten Film aller Zeiten und seine Hauptdarstellerin Linda Lovelace zur ersten echten Porno-Ikone machte. Pornografie nahm nun auch im großen Stile Einfluss auf die Popkultur und hatte endgültig den Weg in den Mainstream gefunden.

Der „Summer of love“ von 1967 hatte sich verselbstständigt und war zu einem kommerziellen Massenphänomen mutiert, welches in den kommenden Jahren nur noch eine Richtung kannte: immer weiter nach vorn. Vor allem die Pornoindustrie profitierte davon. Sex in Nahaufnahme war salonfähig geworden und erfreute sich sogar eines avantgardistischen Namens, dem „Porno Chic“. Die Branche boomte und brachte so manchen Star hervor. Neben Lovelace waren es unter anderem Marilyn Chambers und Darby Lloyd Rains, die von der Branche gefeiert wurden. Letztere war Darstellerin in dem 1974 produzierten Streifen „Memories Within Miss Aggie“, der von seriösen Filmkritikern gar wegen seiner Handlung gelobt wurde.

Auch die Männerriege hatte ihre Stars. So galt John Holmes lange als das Alphatier der Branche. Spitznamen wie „Mister 33 Zentimeter“ und mehr als 1.000 Produktionen, in denen er vor der Kamera „stand“, zementierten seinen legendären Ruf. Zudem setzte Holmes auch modisch Maßstäbe. Sein charakteristischer Schnauzbart wurde von vielen weiteren Darstellern kopiert, so dass die Bezeichnung „Pornobalken“ in den allgemeinen Sprachgebrauch überging.
In der Bundesrepublik waren Pornofilme bis 1975 noch verboten. Als echtes Kulturgut wie in den USA setzten sie sich auch danach nicht durch. Dafür lustwandelte jedoch beispielsweise ein Gérard Depardieu in „Die letzte Frau“ mit erigiertem Glied über die europäischen Kinoleinwände.

Zwei Intimzonen

Wie in den politischen Weltanschauungen war Deutschland auch in Sachen Erotik in zwei (Intim-)Zonen geteilt. Zum einen zeigte sich der sozialistische Osten zwar recht freizügig und liberal, wenn es um Freikörperkultur oder die Emanzipation von Frauen ging. Andererseits waren Pornofilme streng verboten und in der öffentlichen Wahrnehmung auch nicht existent. Aber da die DDR ein Volk von Improvisationskünstlern war, drehten sie kurzerhand ihre Erotikfilmchen selbst auf Super8.

Im Westen kokettierten androgyne Rockstars wie David Bowie, Mick Jagger oder Freddy Mercury mit ihrer sexuellen Flexibilität, lange bevor der Begriff metrosexuell überhaupt erfunden wurde. Erlaubt war alles, was irgendwie zum Höhepunkt führte – und das war gut so. In den Kommunen – sei es in der Großstadt oder auf dem Land – wurden seit Ende der 60er alternative Lebensgemeinschaften umgesetzt. Dazu gehörte natürlich auch der Sex. Die bürgerlichen Lebensideale waren aufgehoben. „Wer zweimal mit der selben pennt, gehört schon zum Establishment“, hieß es. Jeder konnte mit jedem, gern auch in der Gruppe. Und oftmals im kollektiven Drogenrausch, was mitunter so manch bizarre Spielart hervorbrachte.

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Die verschiedenen sexuellen Vorlieben der Menschen wurde nicht mehr im Geheimen ausgelebt und waren auch nicht auf Kommunen und dergleichen begrenzt. Lack und Leder eroberten wie beispielsweise in den Kollektionen von Vivienne Westwood die Modewelt, sie bekam einen perversen Unterton mit sadomasochistischen Anstrich. Es bildeten sich Fetisch-Clubs, in denen Dominas unterwürfige Männer auspeitschten, die das genossen. Vorbei die Zeiten, in denen die Frau beim Liebesspiel ausschließlich auf den devoten Part gebucht war. Begriffe wie Doktorspielchen, Bondage und Zaumzeug bekamen eine neue Bedeutung.

Die Emanzipation der Schwulen und Lesben

Auch die Homosexuellenszene war nun endgültig ihrem Schattendasein entwachsen. Als großer Wendepunkt gilt der Stonewall-Aufstand vom Juni 1969 in der Christopher Street, dem Schwulen- und Lesbenviertel von New York. Gruppen von Homo- und Transsexuellen lieferten sich gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei, was schließlich zur kollektiven Emanzipierung der Gay-Szene in der westlichen Welt führte. Neben New York und San Francisco bildeten sich auch in Europa erste Lesben- und Schwulenviertel. So galt die bayrische Landeshauptstadt München während der 70er als erste Schwulenhochburg Deutschlands.
Auch die Homoszene hatte ihre Ikonen. Künstler wie die Village People brachten die Subkultur in den Mainstream. Hierzulande war der Regisseur Rosa von Praunheim, der sich ab 1971 mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ als Sprachrohr der Schwulenszene hervorhob.

Eine Gesellschaft ohne Tabus

Die sexuelle Revolution hatte die Welt der 1970er nachhaltig verändert. Von freier Liebe wurde nicht nur gepredigt, sie wurde praktiziert – in all ihren Facetten und Abarten. Die kollektive Befriedigung war keine Modeerscheinung mehr, sie war zum festen Bestandteil im Alltagsleben der westlichen Gesellschaft geworden.

Am 1. Dezember 1981 wurde dann erstmals Aids diagnostiziert…